Logo Matthias-Claudius-Haus Stiftung

Die Stiftungsgeschichte

Entstehung einer Stiftung

Im September 1865 wurde unter Vorsitz des königlichen Landrates in der Stadt Oschersleben die Gründung eines evangelischen Waisenhauses beschlossen. Hintergrund für diese Initiative war einerseits die Not und das Elend, dem elternlose Kinder ausgesetzt waren. Andererseits sollte Arbeiterfrauen bereits damals die Möglichkeit gegeben werden, ihre Kinder während der Arbeitszeit betreuen zu lassen. Zu diesem Zweck wurde mit einem Startkapital von 200 Talern am 01. April 1866 ein Grundstück gepachtet.

Betteln für den Anfang

Für Errichtung und Betrieb der Waisenanstalt wurden die Bürger gebeten, zu spenden. Viele kamen dieser Bitte nach und Geldspenden, Kleidungsstücke, Wäsche und Naturalien wurden in ausreichendem Maße zusammengetragen.

Die ersten zwanzig Jahre

Die ersten zwanzig Jahre

Am 15. April 1866 erfolgte die feierliche Einweihung der Einrichtung. Der erste Waisenhausvater wirkte über zwanzig Jahre zusammen mit seiner Frau. Die Leitung hatte ein bis zu neunköpfiger Vorstand. Aus dem ersten Jahresbericht vom 10. Mai 1867 geht hervor, dass anfangs elf Kinder aus Oschersleben aufgenommen wurden. Deren Zahl stieg so schnell, dass die gemieteten Räume bald nicht mehr ausreichten und man sich gezwungen sah, trotz geringer Mittel ein eigenes Grundstück zu kaufen und ein Gebäude zu errichten. Dieses Grundstück ist bis heute der zentrale Standort des Wohnheimes in der Hermann-Krebs-Straße in Oschersleben.

Hausväter und Vorstand

Aus dem „Brüderhaus“ der im Harz gelegenen Neinstedter Anstalten kamen meistens die sogenannten Hausväter, die jeweils Pfarrer waren. Die Einsetzung und Beaufsichtigung erfolgte über den Vorstand der Stiftung. Dieser setzte sich ausnahmslos aus Honoratioren der Stadt Oschersleben zusammen. Sie waren verpflichtet, das Waisenhaus mit ihren Möglichkeiten zu unterstützen.

Aufnahme der Kinder bis zur Konfirmation

Für elternlose Kinder bestand im 19. Jahrhundert in der Regel die Möglichkeit, in privaten Familien unterzukommen. Da sie dort jedoch selten die zur Ausbildung des Geistes und Leibes erforderliche Pflege erhielten, fanden sie im Waisenhaus Obdach. Die Waisenkinder waren bis zur Konfirmation im Heim. Danach mussten sie sich Arbeit suchen und selbstständig werden.

Kriegszeiten und bis 1959

In den nachfolgenden Jahren war die Geschichte des Waisenhauses häufig von Not, Elend und Mangel geprägt. Gerade in den Kriegsjahren des 1. und 2. Weltkrieges gab es harte Zeiten. Die Zahl der Waisenkinder stieg beständig an. 1944 wurden die Gebäude durch Bomben stark beschädigt und brannten teilweise aus. Der Wiederaufbau wurde mit Darlehen und Hypotheken bewerkstelligt. 1949 wurden wieder 40 Kinder betreut. Von 1865 bis 1959 war die Einrichtung ein evangelisches Waisenhaus. Die kirchliche Erziehung der Mädchen und Jungen war den Verantwortlichen der DDR Volksbildungsorgane jedoch ein Dorn im Auge. Auf Anordnung des Staates wurde das Haus geschlossen. Die Kinder wurden daraufhin auf staatliche Einrichtungen verteilt oder kamen zu Pflegeeltern.

Beginn der Arbeit mit behinderten Menschen

Auf Initiative des damaligen evangelischen Ortspfarrers wurde das ehemalige Waisenhaus in ein Heim für Kinder mit geistigen Behinderungen umgewandelt. Noch 1959 zogen die ersten zehn Jungen mit geistiger Behinderung im Alter zwischen vier und fünf Jahren ein, die aus der Landesnervenklinik Haldensleben nach Oschersleben kamen. Die Leitung übernahmen bis 1974 Diakonieschwestern, danach wieder verschiedene Leiter. 1982 wird nach vielen Theologen der erste Pädagoge mit der Leitung beauftragt. Es ist der Beginn einer inhaltlichen Neuorientierung.

Die Wende 1989

Mit der politischen Wende begann für die Stiftung ein wahrer Bauboom. Der desolate Zustand der Gebäude wurde beseitigt und erste Außenwohngruppen im Stadtgebiet von Oschersleben gegründet. 1993 zogen erstmals Frauen in die Wohnheimeinrichtungen ein. Es wurden Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) errichtet. Dazu wurden anfangs vorhandene Grundstücke, Gebäude und Arbeitsbereiche von staatlichen Institutionen übernommen, bald aber auch neue funktionale Gebäude errichtet.